Joanna Macy
ist der Gesellschaft für angewandte Tiefenökologie seit der Gründung 1992 eng verbunden. Ihre "Arbeit der Tiefen Ökologie" (work that reconnects) hat das Wirken unserer Gesellschaft wesentlich mit geprägt.
Joanna Macy, 82 Jahre Ph.D., Autorin, lehrt Buddhismus, Systemwissenschaften und Tiefe Ökologie. Ihre Stimme hat in den USA und weltweit Gewicht in der Bewegung für Frieden, soziale Gerechtigkeit und den Schutz der Umwelt. In der »Tiefen Ökologie« schuf sie in den letzten 30 Jahren ein unerschrockenes, ehrliches Werkzeug, um Menschen durch die Wirren einer Krisenzeit zu engagiertem Handeln für das Leben und für die Erde zu begleiten.
2008 und 2010 war Joanna Macy jeweils auf unserer Einladung zu einer Konferenz in Deutschland. Wir erwarten sie im nächsten Jahr (2013) wieder.
Ein Gespräch, das Geseko von Lüpke mit Joanna Macy führte, finden Sie hier.
Im Juli 2009 erschien in "Buddhismus Aktuell" (3/2009) ein Interview.
Sie können dieses Interview als pdf laden, oder auf dieser Seite als Text lesen:
Joanna, wenn man wie Du seit 80 Jahren auf dieser Erde lebt, was ist für Dich die Essenz Deiner Jahre?
Joanna Macy: Uns allen – also auch mir – ist ein unschätzbares Geschenk gegeben worden. In diesem wunderbaren, sich selbst organisierenden Universum lebendig zu sein, am Tanz des Lebens teilzuhaben, mit Sinnen, um es wahrzunehmen, mit Lungen, um es zu atmen, mit Organen, die aus ihm Nahrung gewinnen – das ist ein Wunder, für das es keine Worte gibt. Darüber hinaus erlebe ich es als ein ungeheures Privileg, dass mir ein menschliches Leben gegeben wurde, mit einem selbstreflexiven Bewusstsein, das mir mein eigenes Handeln bewusst macht und mich befähigt, von Augenblick zu Augenblick Entscheidungen zu treffen. Jetzt ist die Zeit, in der wir Menschen uns entscheiden können, bewusst und aktiv am Tanz des Lebens teilzunehmen.
Was ist das für Dich, der ›Tanz des Lebens‹?
Wir sind offene lebende Systeme, wie alles Leben auf der Erde und als solche durchfließen uns Ströme von Materie, Energie und Information und halten uns am Leben. Das geschieht in einer Welt, die wir alle miteinander teilen. Nicht nur wir Menschen, sondern Pflanzen, Tiere, Steine, Berge, Flüsse, Wüsten - einfach alles, für das der christliche Glaube den Begriff ›Schöpfung‹ verwendet.
In diesem ungeheuer verwobenen Beziehungsgeflecht, das all unsere Lebensaktivitäten ermöglicht, kann ich nirgends klaren Trennungslinien erkennen. Wenn ich jetzt einatme, ist die Luft dann Teil von mir, Joanna, oder von dem Baum dort, dessen Blätter gerade den Sauerstoff abgegeben haben, den ich benötige, oder gehört sie zu dem Hochdruckgebiet, das uns diesen herrlichen Sonnenschein schenkt?
Nichts anderes finden wir in der Lehre des Buddha von Paticca-Samuppada, dem ›wechselseitig bedingten Entstehen aller Phänomene‹. Mir ist keine andere Lehre bekannt, in der die Allverbundenheit der Dinge eine so zentrale und bedeutsame Rolle einnimmt. In ihr wird der prozesshafte Charakter der Wirklichkeit deutlich. Der Buddha erkannte ihr beständiges Fließen, er beschrieb wie die Dinge gegenseitig Anlass und Bedingung für ihr jeweiliges Entstehen und Vergehen sind – und dabei ist ein jedes so real, wie eben die Luft, die wir atmen, zugleich so flüchtig wie die Figuren eines Tanzes.
Das klingt einfach, einleuchtend und klar. Warum wird diese Wahrheit in unserer Welt immer noch so wenig beherzigt und gelebt?
Wir leben in einer Gesellschaft, die immer noch von einem Weltbild beherrscht wird, nach dem wir alle voneinander getrennte Wesen oder Dinge sind, die sich gegenseitig herumschubsen und miteinander um einen Platz an der Sonne wetteifern. Das Geflecht von dem ich spreche besteht aus einem Fließen von Beziehungen und ist als solches nicht ohne weiteres sichtbar.
Es ist ja so, die Dinge helfen sich gegenseitig im Entstehen, sie schaffen füreinander Anlässe oder Räume oder Zusammenhänge und werden dadurch selbst wiederum beeinflusst. Es handelt sich also um eine gegenseitige Dynamik, ein Wechselspiel. Die dabei wirkende Kraft ist nicht der persönliche Besitz eines der beteiligten Spieler, wodurch er die anderen dominieren würde, sondern liegt in der Beziehung, in dem Raum zwischen den Dingen. Und die Auswirkungen treffen uns alle.
Nun leben wir auch eine Zeit tiefer Krisen. Ob wir die Natur ansehen, deren zunehmende Katastrophen Ausdruck des in vielen Bereichen gestörten oder verletzten Gleichgewichtes sind, ob wir auf die akute Krise der Weltwirtschaft schauen, einschließlich der Ungerechtigkeit und sozialen Härte, die das System für so viele Menschen bedeutet, ob wir uns die Kriege weltweit ansehen oder das Auseinanderfallen von gewachsenen gesellschaftlichen Bezügen und die zunehmende Gewalt, all das fühlt sich doch bedrohlich an.
Die Krise, die unseren Planeten bedroht, ist von Menschen gemacht, sie entspringt einem untauglichen, krankhaften Verständnis vom Selbst. All die genannten Aspekte der Krise sind Ausdruck eines Irrtums, einer Fehleinschätzung, was unseren Platz in der Ordnung der Dinge angeht. Wir unterliegen dem Irrglauben, zu meinen, unser Selbst existiere gesondert von allem anderen und es sei so zerbrechlich, dass wir seine Grenze stets aufs Neue markieren und verteidigen müssen. Wir unterstellen, es sei so klein und bedürftig, dass wir in seinem Namen unentwegt Dinge anschaffen oder konsumieren müssen. Die Dummheit liegt darin, dass wir davon ausgehen, dass wir als Individuen, als Unternehmen, als Staat oder als Spezies von dem unberührt bleiben würden, was wir unseren Mitmenschen, anderen Lebewesen und der Erde antun.
Kann es nicht auch aussichtslos erscheinen, gegen die Kräfte, die dieses System stützen, anzurennen? Ist es da gerade für Buddhisten nicht sinnvoller, den Weg nach Innen zu suchen?
Der Weg nach Innen verbindet sich für viele mit dem Sehnen nach einer Ruhe, welche wir in unseren spirituellen Übungen erfahren, einen Zufluchtsort, der unserer Welt entrückt ist und in den wir aufsteigen können, um uns dort sicher und gelassen zu fühlen. Doch solange wir einen Körper haben, solange wir noch immer von ihm abhängig sind, solange wir atmen, ist das heikel, egal wie fortgeschritten wir auf unserem spirituellen Pfad sein mögen.
Einige Buddhisten verstehen offensichtlich unter Nicht-Anhaften, die Aufforderung, sich von der Welt loszusagen und ihrem Schicksal gegenüber gleichgültig zu sein. Der Buddha aber lehrte Nicht-Anhaften in Bezug auf das Ego, nicht in Bezug auf die Welt. Tatsächlich misstraute der Buddha all jenen, die versuchten, sich von der materiellen Ebene loszusagen. Denken wir nur daran, dass er den Weg der strengen Askese aufgab, ehe er sich unter den Bodhi-Baum begab.
Meine persönliche Erfahrung ist, dass die Welt und die Erde selbst eine Rolle spielt bei unserer spirituellen Befreiung. Ihr Druck, ihre Schmerzen, ihre Gefährdungen können uns wachrütteln – uns befreien von den Fesseln des Egos und heimführen zu unserer großen, wahren Natur.
Thich Nhat Hanh wurde einmal gefragt: »Was sollen wir tun, um unsere Welt zu retten?« Die ihn fragten erwarteten eine Antwort, welches die beste Strategie sei für ein gesellschaftliches Engagement oder zum Schutz der Umwelt. Doch Thich Nhat Hanh antwortete: »Was wir am dringlichsten tun müssen, ist in uns hinein lauschen und dort zu hören, wie die Erde weint.«
Und das können wir, alle. Unser Schmerz für die Welt ist nicht nur natürlich, er ist auch eine notwendige Bedingung für unsere Heilung. Schmerz hat für alle Organismen eine wichtige Funktion: er ist ein Warnsignal, ein Auslöser für Maßnahmen, durch die Heilung ermöglicht wird. Wer einmal begriffen hat, dass Leben Veränderung bedeutet, der braucht nicht mehr dagegen anzukämpfen, denn Wandel ist unsere wahre Natur.
Das bedeutet wach zu sein für den Augenblick?
Ja, wach für den Augenblick und darin liegt eine wunderbare Erlösung. Ich erkenne, dass ich nichts anderes bin als das, was ich gerade erlebe. Ich bin dieser Atemzug. Ich bin dieser Augenblick und der verändert sich ständig, steigt unentwegt auf, aus dem Quell des Lebens. Wir sind nicht schicksalhaft dazu verdammt, uns wie der Hamster im Laufrad abzustrampeln zur Verteidigung oder Vervollkommnung unseres Selbst. Der Teufelskreis kann durchbrochen werden durch die Weisheit, die Meditation und nicht zuletzt durch Übung. Diese Befreiung, dieses Erwachen, hat nichts von dem Nihilismus und der Weltflucht, die dem buddhistischen Pfad immer wieder zugeschrieben wird. Vielmehr stellt sie uns unmittelbar hinein in diese Welt und gibt uns ein waches Gespür für soziale und ökologische Anliegen.
Du sprichst von einem »Großen Wandel«. Was hat es damit auf sich?
Als erstens müssen wir verstehen, dass ein Wirtschaftssystem, welches darauf angelegt ist, immer höher wachsende Profite für die Großkonzernen zu erzielen – mit anderen Worten, immer schneller die Schätze der Erde in Konsumgüter oder Waffen oder letztlich Müll zu verwandeln – schlussendlich ein Selbstmordprogramm ist. Ein unbegrenztes Wirtschaftswachstum ist auf einen begrenzten Planeten nicht möglich. Deshalb wird und muss die industrielle Wachstumsgesellschaft zu einem Ende kommen. Zweitens müssen wir begreifen, dass es uns heute möglich ist, die Lebensbedürfnisse der Menschheit zu befriedigen, ohne dass wir unsere Welt zerstören. Wir haben die Technologien und Ressourcen zur Verfügung, die es uns erlauben, ausreichend Nahrung, Energie, saubere Luft und Wasser für alle Menschen zur Verfügung zu stellen und auch denjenigen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen, die nach uns kommen. Wir müssen den Weg zu einer langfristig lebenserhaltenden Gesellschaft schaffen.
Dazu bedarf es eines so radikalen Umbruchs, dass ich gern von einer Revolution spreche, eben vom »Großen Wandel«.
Heute kennen wir Deine Arbeit unter dem Namen »Arbeit, die wieder verbindet« oder – in Deutschland weiter verbreitet – »Tiefe Ökologie«. In früheren Jahren nanntest Du Deine Arbeit »Verzeiflungs- und Ermutigungs-Arbeit«. Was hat es mit der Verzweiflung auf sich?
Es gibt kein großes Geheimnis um die ›Verzweiflungsarbeit‹, alles worum es geht, ist die Wahrheit auszusprechen über das, was wir sehen und fühlen, dass es in unserer Welt geschieht. Das ist nicht immer angenehm, aber sehr gesund. Wenn wir uns einfach an das halten, was wir sehen, spüren und wissen, über all das, was in unserer Welt geschieht, dann macht uns das authentisch, denn unserer Gefühle angesichts der bedrohten Erde und der Bedrohung des Lebens entspringen unserer Verbundenheit mit ihr.
Deshalb dürfen wir uns niemals dafür entschuldigen, wenn wir um das Abbrennen der Amazonaswälder oder um die aufgerissenen Berge des Kohletagebaus in den Appalachen weinen. Unser Kummer, unser Leid und unsere Wut, die wir fühlen, sind ein Maßstab für unsere Menschlichkeit und für unsere evolutionäre Reife. Je weiter ein Herz aufbricht, um so mehr Raum hat es für die Heilung unserer Welt.
Und noch etwas kommt dazu: Wenn wir uns gegenseitig darin unterstützen unsere Wahrheit auszusprechen und uns für die Gefühle zu öffnen, die dabei an die Oberfläche kommen, dann schafft das starke solidarische Verbindungen und es wirkte so erfrischend, wie Sauerstoff.
Vielleicht mussten wir erst am eigenen Leibe erfahren, wie dumm es ist, die Schönheit der Erde zu zerstören, bevor wir wach werden für die schlichte Wahrheit, dass wir unser eigenes erweitertes Selbst zerstören. Wenn wir uns die Geschichte der Entwicklung des Lebens auf der Erde als unsere eigene Geschichte zu Eigen machen, so kann das unser Zeitbewusstsein entscheidend weiten und uns unsere Verbundenheit mit unseren Vorfahren und denen, die nach uns leben werden, neu empfinden lassen.
Was für ein Unterschied, wenn wir anfangen unsere eigenen Anstrengungen als Teil eines weit größeren Unterfangens zu begreifen, eines Abenteuers, das meine paar 80 Lebensjahre bei weitem übersteigt.
Das Gespräch führte Norbert Gahbler.
Norbert Gahbler, geboren 1954, ist Trainer in der Gesellschaft für angewandte Tiefenökologie und begleitet Männer und Jungen in Übergangsphasen und Krisen (www.mannforum.de). Seit 20 Jahren übersetzt er die Arbeit von Joanna Macy.
Weiterführende Literatur von Joanna Macy:
Die Reise ins Lebendige Leben – Strategien zum Aufbau einer zukunftsfähigen Welt, Junfermann 2003
Fünf Geschichten, die die Welt verändern – Einladung zu einer neuen Sicht der Welt,
Junfermann 2008
Geliebte Erde, gereiftes Selbst - Mut zu Wandel und Erneuerung, Junfermann 2009
Weitere Infos:
www.joannamacy.net (englisch)
In Deutschland wird ihre Arbeit von der Gesellschaft für angewandte Tiefenökologie e.V. getragen: www.tiefenoekologie.de