Joanna Macy

Die Welt als Geliebte

Geseko von Lüpke im Gespräch mit Joanna Macy

 

Wie würden Sie den Zustand der heutigen Welt beschreiben?


Wir erleben die letzten Jahre eines Wirtschaftswunder-Systems, dass enorme Auswirkungen auf den gesamten Planeten hat. Es gibt keine Region und keine Kultur, die dagegen immun ist. Und dieses industrielle Wachstumssystem, basierend auf einer ständigen Ausbeutung der Rohstoffe und immer mehr Abfall, zerstört die lebenserhaltenden Systeme dieses Planeten für menschliche, wie für nicht-menschliche Wesen. Wir befinden uns also in einem Prozess der völligen Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Unabhängig von dem, was wir an diesem Punkt dagegen tun, ist es sicher, dass künftige Generationen dazu verdammt sein werden, in einer schwer geschädigten Umwelt zu leben.

Wie reagieren wir auf diese Situation?


Mit Angst! Das ist heute so und war schon immer so. Die Menschen merken, dass sich enorm viel verändert und reagieren verstört. Diese Angst äußert sich meist auf zwei Arten. Sie führt zu Panik, zu irrationalem Verhalten, die Menschen werden aggressiver und wollen sich schützen. Die soziale Hysterie wächst und äußert sich in religiösem Fundamentalismus, in Nationalismus, und Fremdenfeindlichkeit. Oder sie reagieren auf die Angst in einer andere oberflächlichen Art und Weise, die ganz eng damit zusammenhängt: Sie fühlen sich gelähmt gegenüber allen politischen und sozialen Problemen. Und das bedeutet: Sie machen dicht!

Wo liegen die Wurzeln dieser Krise?


Ich glaube, dass die Krise, in der wir uns befinden, im Kern geistiger Natur ist. Es ist wie eine Krankheit, die die Kultur ergriffen hat. Sie führt dazu, dass wir unsere tiefsten Werte völlig in Frage gestellt haben und nicht mehr wissen, woran wir uns orientieren sollen. Man kann auch von einem moralischen Kollaps sprechen, der darauf beruht, dass die Beziehung zwischen uns und den Dingen und Wesenheiten in unserer Mitwelt zusammengebrochen ist. Unsere Gesellschaft krankt an ihrem Anthropozentrismus. Durch ihn verstehen wir uns als Krone der Schöpfung und als Mittelpunkt der Welt. Dabei ist der vielleicht größte Mangel unserer Kultur eine wirklich inspirierende Vision einer gesunden Beziehung zwischen uns und der uns umgebenden Welt.

Worin besteht ihrer Meinung nach heute die größte Gefahr?


Ich glaube, dass von all den Gefahren die uns drohen - sei es der Militarismus, die Umweltverschmutzung, die Überbevölkerung oder das Artensterben - keine Gefahr so groß ist, wie unsere Verdrängung. Denn dann passiert all das unkontrolliert. Selbstorganisierende Systeme, ob es nun eine Gemeinde, ein Planet oder eine Nation ist, korrigieren Fehlentwicklungen durch Rückkopplung oder Feedback. Und eine Verweigerung blockiert das Feedback. Jedes System, daß seine Rückkopplung abblockt, begeht Selbstmord. Jedes System, das sich weigert, die Konsequenzen seines Handelns zu sehen, ist selbstmörderisch.

Wie kommt es zu dieser gefährlichen Verdrängung?


Wir haben Angst. Wir glauben, so zerbrechlich und klein zu sein, dass es uns in Stücke reißt, wenn wir es uns erlauben, unsere Gefühle über den Zustand der Welt anzuschauen. Wir fürchten eine tiefe Depression oder Lähmung. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn wir es aussprechen, merken wir, dass wir nicht isoliert sind, sondern das dieser Schmerz weit hinausgeht über das kleine Ego und Konsequenzen hat, die jenseits unserer individuellen Bedürfnisse und Wünsche liegen. Wir erfahren dann nämlich eine Art größerer Identität. Wenn wir den Schmerz, den wir für die Welt fühlen unterdrücken, dann isoliert uns das. Wenn wir ihn akzeptieren, anerkennen und darüber sprechen, dann wird er zum lebendigen Beweis unserer Verbundenheit mit allem Lebendigen. Und er befreit unsere Hilfsbereitschaft. Ich bin in dieser Arbeit zu der Erkenntnis gekommen, dass unser Schmerz um den Zustand der Welt und unsere Liebe für die Welt untrennbar miteinander verbunden sind. Das sind nur zwei Seiten derselben Münze.

Was können wir tun, wenn die herkömmliche Art, die Welt wahrzunehmen und zu verstehen, vor dem Bankrott steht?


Diese Einsicht ermöglicht gleichzeitig, uns für ein sehr viel größeren Verständnis des Lebens zu öffnen. Der Kern dieser neuen Sichtweise liegt darin, die Welt in einem größeren lebendige Kontext wahrzunehmen: Unsere Stellung in der Welt verändert sich grundlegend, wenn wir sie als ein lebendiges System verstehen und uns selbst als einen Teil eines im weitesten Sinne lebendigen Erdkörpers definieren. Diese für immer mehr Menschen selbstverständliche Perspektive hat dramatische Folgen für die Art unserer Beziehung zur Welt, für unsere Kreativität, für unsere Lebensqualität und für unser inneres und kollektives Wachstum. Sie mag - angesichts der herrschenden Probleme in der Welt - visionär und verträumt wirken, kommt jedoch längst in unseren modernen Kulturen zum Ausdruck.

Wo sehen eine solche Entwicklung?


Auf drei wesentlichen Ebenen: Einerseits hat die Tatsache, da wir erstmals in der Geschichte der Menschheit mit der selbstverursachten Zerstörung der biologischen Lebensgrundlagen konfrontiert sind, die Chance eines Wandels erhöht. Keine Generation vor uns war mit derartig umfassenden Fragestellungen und Bedrohungen konfrontiert. Als eine Gattung, die - wie alle anderen - darauf programmiert ist, sich fortzupflanzen, kann die "Überlebensfrage" den Druck erhöhen, alte Denk- und Verhaltensmuster in Frage zu stellen und neue Konzepte zu akzeptieren. Zu keiner Zeit der Menschheit war das Wissen um die globalen Konsequenzen eines reduzierten, isolierten und abgetrennten menschlichen Selbstbildes so groß und der Bedarf an neuen "verbundenen" Sichtweisen so hoch wie heute.
Zudem versorgt uns die moderne Wissenschaft seit einigen Jahren mit schlüssigen Theorien und konzeptionellen Denkmustern, die uns wie Werkzeuge dabei unterstützen können, die konventionellen Vorstellungen einer klaren Grenzlinie zwischen dem Individuum und der Umwelt aufzubrechen. Die vielen Forschungsansätze in der Biologie, Physik, Chemie und Genetik, die das Geheimnis des Lebens entschlüsseln wollen, kommen ebenso wie die systemtheoretischen Ansätze zu dem Ergebnis, dass die klassische Trennlinie unseres Denkens zwischen der Person einerseits und ihrer Umwelt andererseits künstlich sind und dass es sich beim Leben stattdessen um einen wechselseitigen "interaktiven Prozess" handelt. Zum Dritten haben alle großen religiösen Traditionen damit begonnen, sich wieder mit den Wurzeln einer ganzheitlichen, "nicht-dualistischen" Spiritualität zu beschäftigen, wo die scharfe Trennlinie zwischen dem individuellen Selbst und der ihn umgebenden Welt ebenso verschwimmt wie zwischen Gott und Mensch, Innen und Außen, Himmel und Erde.

Fangen wir mit der dritten Ebene an: Welche Wirkung kann eine solche Spiritualität politisch haben?


Statt einer nur nach innen gerichteten Versenkung entsteht damit eine "sozialen Mystik", in der Meditation und soziale oder ökologische Aktion eins werden. Diese Ansätze sind ein wesentlicher Zweig im Buddhismus, waren schon immer im islamischen Sufismus vorhanden und tauchen unter dem Begriff der Schöpfungsspiritualität nun auch verstärkt im Christentum auf. Immer mehr Menschen beginnen sich zudem für die erdverbundenen Weisheiten indigener Völker zu interessieren, weibliche Spiritualität entdeckt in den Traditionen uralter Mutter-Göttinnen fast verlorene ganzheitliche Konzepte. All diese Sichtweisen betonen die lebendige Heiligkeit der Welt. Der Weg geistiger Suche wird hier nicht länger als eine Flucht aus der schlechten Welt in irgendeinen paradiesischen Himmel angesehen. Vielmehr wird hier die Welt selbst zum Kloster, die Welt selbst als Arena einer geistigen Transformation verstanden, die Welt selbst zum geistigen Lehrer oder gar zum heiligen Ort.

Sie sprachen von neuen wisenschaftlichen Theorien, die uns Konzepte für ein neues Weltbild geben könnten. Wo berühren sich die ganzheitlichen Ansätze aus Religion und moderner Naturwissenschaft?


Die ganzheitlichen Ansätze in Wissenschaft oder Theologie betonen im Kern in immer wieder neuen Ausdrucksformen die wechselseitige Verbundenheit des Menschen mit dem Leben und allem, was existiert. Besonders die wissenschaftlichen Einsichten der modernen Allgemeinen Systemtheorie sind für den westlichen Menschen geeignet, die neuerliche Entdeckung dieses Miteinander-Verbundenseins verständlich zu machen. Bis in unser Jahrhundert war die klassische westliche Wissenschaft von der Annahme ausgegangen, dass man die Welt verstehen und unter Kontrolle bringen kann, indem man sie in immer kleinere Stücke aufspaltet, dabei den Geist von der Materie, die Organe vom Körper, die Pflanzen von ihren ökologischen Systemen trennt und jedes Teilstück für sich untersucht. Wir haben viel dadurch lernen können, aber auch wesentliche Fragen nicht gestellt, nämlich wie die Einzelteile zusammenwirken und kooperieren, um das Leben als Ganzes zu erhalten. Immer mehr Wissenschaftler begannen deshalb damit, mehr das Ganze anstelle der Teile, mehr Prozesse anstelle von isolierten Substanzen zu betrachten. Was sie dabei entdeckten war, dass dieses Ganze - ob es sich um Zellen, Körper, Ökosysteme oder sogar den Planeten selbst handelt, nicht nur aus einem Haufen einzelner unverbundener Teile besteht, sondern aus dynamischen, kompliziert organisierten und ausgewogenen Systemen, die miteinander in Beziehung stehen und bei jeder Bewegung, jeder Funktion und jedem Energieaustausch wechselseitig voneinander abhängen. Sie stellten fest, dass jedes Element Teil eines größeren Musters ist, das sich aufgrund von erkennbaren Prinzipien verbindet und entwickelt und fassten diese Regeln in der Allgemeinen Systemtheorie zusammen.

Der Begriff des Systems scheint zum neuen Schlüsselwort zu werden ...


Diese systemische Betrachtungsweise der Wirklichkeit wird von vielen Denkern zumindest als die größte und weitreichendste kognitive Revolution unserer Zeit angesehen. Der Anthropologe Gregory Bateson nannte sie "den größten Bissen vom Baum der Erkenntnis seit 2000 Jahren". Denn die systemische Sichtweise hat die Linse verändert, durch die wir die Realität sehen. Anstatt beliebige getrennte Einheiten wahrzunehmen, werden wir uns heute mehr und mehr verbindender Ströme bewusst - den Strömen von Energie, Materie und Information. Und Lebewesen werden in diesen Strömen als dynamische Muster im Netz des Lebens wahrgenommen. Die neue Sichtweise, die die Systemtheorie uns anbietet, trägt der biologischen Tatsache Rechnung, dass wir offene Systeme sind, die in ständigem Austausch mit ihrer Um- und Mitwelt leben und überleben. Durch Interaktionen formen sie Beziehungen, die ihrerseits wieder die Umwelt selbst gestalten.

Diese Sichtweise widerspricht doch aber eigentlich zutiefst unserem individuellen Selbstverständnis!?


Nur auf den ersten Blick. Tatsächlich hat die moderne westliche Welt jedem ihrer Bewohner durch Erziehung, Schule und den Alltagserfahrung in einer konkurrenzbetonten Welt die Überzeugung mit auf den Weg gegeben, ein abgetrenntes und isoliertes Individuum zu sein. Die Menschen leben in der Wahrnehmung, sich als allein stehende Einzelwesen in einer Welt behaupten zu müssen, stärker sein zu müssen als andere, Macht erringen und ausüben zu müssen und sich gegenüber der Macht und Aggression anderer schützen und verteidigen zu müssen. Anstatt uns selbst als veränderbare offene Systeme zu begreifen, haben wir in unseren privaten Beziehungen, in unserem wirtschaftlichen Verhalten und in unserer zwischenstaatlichen Politik einer entsprechenden Burgmentalität untergeordnet, die in unserem Privatleben zu Verhärtung, im wirtschaftlichen zur Konkurrenz, Macht- und Gewinnsucht und im politischen zum Kalten Krieg geführt hat.

Wie verändert die neue systemische Sichtweise unser Weltbild?


Während wir uns bislang in Isolation und Konkurrenz erlebten und ohne eigentliche Verbindung zueinander, entsteht durch diese Sichtweise ein ganz anderes Bild der Wirklichkeit. Das was wir bislang als das Wesentliche annahmen - nämlich die einzelnen Individuen, Objekte und Teile - tritt buchstäblich in den Hintergrund, während jene unsichtbaren Prozesse, die wir bisher für unwichtig oder nicht existent hielten, plötzlich in den Vordergrund unserer Wahrnehmung treten. Was vorher als abgetrennte Objekte wirkte, zeigt sich nun als dynamische offene Strukturen in einem größeren System. Statt der Objekte oder Individuen treten nun die Beziehungen, in den Vordergrund. Haben wir die Welt bislang in ihrer Aufspaltung in Gegensätzlichkeiten wahrgenommen, in denen die Substanz vom Prozess, das Selbst von den Anderen und der Gedanke vom Gefühl getrennt wurde, so haben diese Zweiteilungen angesichts des Wissens um die miteinander verwobenen Interaktion offener Systeme keinen Bestand mehr. Was bisher wie getrennte, für sich allein existierende Einheiten erschien, erweist sich nun in so hohem Maße miteinander verbunden, dass seine Grenzen nur willkürlich gezogen werden können. Was als das "Andere" erschien, kann auch als Erweiterung ein- und desselben Organismus betrachtet werden, wie eine "Mit-Zelle" in einem größeren Körper.

Welche Konsequenzen hat das für unser Selbst- und Menschenbild?


Die Konsequenzen sind nicht nur für unser Selbst- und Weltbild dramatisch, sondern auch für unsere Stellung, Aufgabe und Verantwortung in der Schöpfung als Ganzes. Wir entdecken sie erst nach und nach. Verstehen wir die Welt als ein zusammenhängendes Ganzes und uns als integralen Bestandteil davon, dann springen wir damit auf eine neue Ebene der Erfahrung, des Bewusstseins, der Wahrnehmung von der Natur der Wirklichkeit und unseres Verhaltens in ihr.
Mit diesem neuen Muster für unsere Wahrnehmung haben wir quasi die Möglichkeit, uns als lebender Teil eines lebenden Körpers zu begreifen. Als offene und denkende Systeme schaffen wir, obwohl jedes individuelle Bewusstsein nur einen kleinen Abschnitt erhellt, eine kleine Schlinge im großen Gewebe des Fühlens und Wissens. Als offene Systeme sind wir an der Schöpfung der Welt beteiligt. Wenn unser Bewusstsein und Wissen wächst, so erweitert sich auch das Bewusstsein und Wissen des Netzes. Es scheint, als seien wir Teil eines größeren Bewusstwerdens. Das Netz des Lebens trägt uns und ruft uns dazu auf, weiter an ihm zu knüpfen. Psychologisch bewirkt dieser Perspektivenwechsel einen Wandel vom Gefühl der Isolation und Angst hin zu Vertrauen. Statt das ganze System zu dominieren um mühsam die Kontrolle zu behalten, kommen wir in dieser Wahrnehmung dazu, wirklich am Ganzen teilzunehmen. Er ermöglicht einen Wandel weg von strikt vorgegebenen Zielen hin zu einer Freiheit, in der wir unsere Ziele sich mit den immer neu entstehenden Möglichkeiten entfalten lassen können. Es ist ein Wechsel von einer kontrollierenden hin zu einer annehmenden Haltung, die die Vielfalt der Realität begrüßt und zu nutzen weiß. Und es ist ein geistiger Wandel, der uns von einem orthodoxen Glaubenssystem und der Abhängigkeit von fremden Autoritäten zu einer radikalen Offenheit gegenüber der Authentizität der eigenen Erfahrung zurückbringt.
Es handelt sich also um den Wechsel hin zu einem neuen Wahrnehmungsmuster oder einem neuen Kode, mit dem wir die Wirklichkeit entschlüsseln. Es ist ein Wandel von dem Gefühl der Isolation zur Wahrnehmung der Teilhabe, also zu einem Gefühl, ein integrierter Bestandteil von etwas Größerem zu sein. Er ermöglicht uns, auch unsere Erfahrungen in einem neuen Kontext verstehen zu lernen. Es ist wie die Befreiung aus einem Käfig. Er ermöglicht uns, die bislang individuell begrenzten Erfahrungen des eigenen Denkens und Handelns als eine Art Durchfluss in einem größeren System zu verstehen. Diese Sichtweise gibt uns auch ein neues Verständnis für die Qualität unserer Emotionen, sinnlichen Erfahrungen und Gefühle. Individuelles Leiden ist dann untrennbar mit dem größeren Körper verbunden, persönliche Freude auch die Freude des größeren Ganzen. Was wir wahrnehmen, erlaubt es dem größeren System wie der Erde, sich selbst wahrzunehmen. Diese Sichtweise ist geeignet, unserer eigenen ganz persönlichen und einzigartigen Erfahrung einen neuen Wert zu geben, weil sie die eigene Wahrnehmung und Erfahrung in den Dienst des Ganzen stellt.

Wird damit das klassische Bild des Individuums hinfällig oder nur in einen neuen Kontext gestellt?


Eher das zweite. Arthur Köstler hat für die Doppelexistenz des Menschen den Begriff des "Holons" geprägt. Er stellte fest, dass alle lebenden Systeme - ob sie nun organisch wie eine Zelle oder der menschliche Körper sind oder supraorganisch wie eine Gesellschaft oder Ökosysteme sind - Holone sind. Sie haben eine zweifache Wesensart, denn sie sind sowohl selbst Ganzheiten, gleichzeitig aber Teil einer übergeordneten Ganzheit. Lebende Phänomene erscheinen deshalb als Systeme innerhalb anderer Systeme, Felder innerhalb von Feldern, die wie ein Set russischer Babuschka-Puppen ineinander verschachtelt sind, nur dass sie zudem miteinander in vielfältiger Beziehung stehen. Jedes von ihnen repräsentiert eine Organisationsebene, die von der Interaktion der Systeme auf der vorhergegangenen Ebene herrührt: Die Interaktionen von Atomen bilden die Organisationsgrundlage von Molekülen, die Moleküle die Basis von Zellen, Zellen für Organe, Organe für Organismen, Organismen für Gesellschaften usw.. Das Leben ist nach diesem Verständnis in eine hierarchische Struktur aufgeteilt, die jedoch nicht mit hierarchischen Machtstrukturen gleichzusetzen ist, sondern von gegenseitiger Abhängigkeit gekennzeichnet ist. Statt dem konventionellen Herrschaftsbegriff, in dem wir Macht mit Beherrschung oder "Macht über" etwas gleichsetzen, erkennen wir in dem selbstorganisierten organischen Zusammenspiel der vielen Teile in Systemen eine Synergie, für die am besten der Begriff des "Mit-machens" passt. Lebende Systeme entwickeln ihre Anpassungsfähigkeit und Intelligenz darin nicht durch eine Abschottung von der Umwelt und die Errichtung von Abwehrmauern, sondern durch die ständig größer werdende Öffnung für Ströme von Energie, Materie und Information.

Heißt das nicht auch Rückkehr zum Kollektiv?


Im Gegenteil! Es kann nicht mehr darum gehen, Individualität aufzugeben und in die Masse des Kollektivs zurückzukehren. Das größere Ganze besteht nicht aus vielen gleichen, sondern aus vielen ungleichen Teilen. Ein uniformer Monolith hat keine innere Intelligenz. Das dynamische, sich selbst organisierende Ganze lebt von der inneren Vielfalt und Lebendigkeit seiner Teile. Darin liegt das Paradox der Individuation: Je mehr ich werde, was ich bin, desto mehr kann ich zum schöpferischen Teil des Ganzen werden. Das Gemeinsame im Ganzen kann erst lebendig werden, wenn die inneren Unterschiede volle Anerkennung finden. Es geht der Evolution also wohl darum, das wir werden, was wir sind und so unseren Beitrag leisten.

Welche Rolle spielen die Beziehungen zwischen den Individuen in diesem Weltbild?


Die alte Vorstellung von Macht als Ausdruck individueller Kraft und Herrschaft hat dann keine Gültigkeit mehr. Macht ist dann kein Privileg des Individuums mehr oder ein isoliertes Phänomen im Kampf um Vorteile. Macht ist dann vielmehr ein Ausdruck und eine Funktion von Beziehung. Sie entsteht zwischen den kooperierenden Individuen. Der Ort des Wandels liegt in der Interaktion, im Austausch, in der Beziehung zwischen den Individuen. Was wir also brauchen, ist ein Quantensprung in unserer Fähigkeit, miteinander in Beziehung zu treten, zu teilen und zu reagieren. In dem verstärkten Aufbau kooperativer Arbeits- und Lebensstrukturen - die wir dringend brauchen - geht es darum, großzügig mit den eigenen Fähigkeiten und Stärken zu kultivieren und sie mit anderen zu teilen.

Nun sind sich ja die wenigsten Menschen der Folgen bewusst, die das heute noch herrschende Weltbild für den Zustand des Planeten hat. Und die wenigsten werden sich auch bewusst auf ein bestimmtes naturwissenschaftliches Weltbild beziehen. Wie würden sie die ethischen und emotionalen Grundeinstellungen beschreiben, die aus den unterschiedlichen Weltbildern entstehen?


Wenn wir über unsere Beziehung zur Erde sprechen, dann gibt es meines Erachtens drei unterschiedliche Bilder dafür, die schon in den unterschiedlichen spirituellen Tradition vorfinden. Die erste und bis heute vorherrschende Sichtweise sieht die Welt als Schlachtfeld. Diese Sichtweise zieht sich von der alten indischen Bagavadgita über die alten Perser bis ins Amerika der Gegenwart: Immer geht es um den Kampf zwischen guten und bösen Mächten, zwischen den Kräften des Lichts und der Dunkelheit. Die ungebrochene Aktualität dieser Sichtweise macht uns deutlich, dass sie in Zeiten großer Veränderung eine ungebrochene Attraktivität besitzt. Wenn alte Strukturen nicht mehr funktionieren, scheint es sehr reizvoll zu sein, so zu denken. Aber es ist letztlich eine Haltung von religiösen Fundamentalisten.
Die andere verbreitete Sichtweise sieht die Welt als große Falle, in die wir tappen, in der wir gefangen sind und aus der wir uns befreien müssen. Das bedeutet aber, dass wir uns nicht in dieser Welt befreien können, sondern uns irgendwie aus all dem Leiden und den Illusionen herauswinden müssen. Diese Sichtweise zieht sich durch viele Religionen: sowohl den Hinduismus mit seinem Konzept der großen Illusion namens ‚Maya’, als auch das Christentum, das Judentum, den Buddhismus und die ganzen Ansätze des ‚New Age’. Immer steht dahinter das tiefe Bedürfnis, dem Leiden zu entfliehen und sich an irgendeinen inneren oder himmlischen Ort zu retten, der ‚wahrer’, ‚wertvoller’ und ‚freier’ sein soll. Ich glaube, beide Sichtweisen haben zu den Schwierigkeiten beigetragen, vor denen wir heute stehen und sich in Denkstrukturen verfestigt, mit denen wir unsere Welt weiter zerstören.

Welche Alternative zum ‚Schlachtfeld’ und zur ‚Falle’ gibt es?


Ich sehe die Welt als Geliebte und als Teil meiner selbst. Das entspricht den mystischen Traditionen aller Religionen. In den tantrischen Traditionen des Hinduismus und Buddhismus gibt es diesen tiefen erotischen Kontakt zur Welt. Im Christentum sind es Heilige wie Hildegard von Bingen, die den göttlichen Geliebten überall gesehen hat. Wer die Welt so sieht, macht sie wieder heilig. Und um die Welt als Teil meiner Selbst zu erfahren, haben die mystischen Traditionen in aller Welt zahlreiche Methoden entwickelt. Die gilt es wiederzuentdecken. In unserer Zeit kann der tiefenökologische Ansatz uns dabei behilflich sein.

Was verstehen sie unter Tiefenökologie?


Tiefenökologie sieht die Erde als ein lebendes System, in dem alle Dinge miteinander verbunden und voneinander abhängig sind. Tiefenökologie unterscheidet sich von der traditionellen Ökologie dadurch, dass sie über den Anthropozentrismus hinausgeht, der alle ökologischen Probleme immer nur zum Nutzen, zum Vorteil oder zum Profit der Menschen reparieren will. Tiefe Ökologie konzentriert sich statt dessen auf die essentiellen Kreisläufe und Systeme der Natur selbst, um uns selbst dann zum Diener der Gesundheit des größeren Ganzen zu machen. Und das befreit uns dazu, glaube ich, mit mehr Weisheit und Inspiration zu handeln. Dieser Ansatz versorgt uns zudem mit einem Gefühl der Zugehörigkeit zu unserem Universum. Es bringt uns heraus aus dem Gefühl der Isolation, der Entfremdung und Ausbeutung, hin zu einem Gefühl der Gemeinschaft mit dem lebenden Erdkörper und all seinen Manifestationen. Und das hat einen ganz wichtigen Effekt: Es löst unsere Hilfsbereitschaft und unsere Kreativität aus.

Landet der Mensch da nicht wieder in der Rolle des Machers, diesmal als Retter?


Ich glaube nicht. Ein zentraler Grundgedanke der Tiefenökologie besteht darin, allem einen inneren Wert zuzuerkennen – allen Lebensformen und der Natur selbst als lebendes selbstregulierendes System. All das hat seine innere Schönheit, seine eigene Würde, sein eigenes Existenzrecht. Darin liegt eine verehrende Haltung. Es geht erst mal nicht ums Machen, sondern um die Anerkennung der Tatsache, dass der Regenwald ein Lebensrecht hat und eine wichtige Funktion als Organ im lebenden Erdkörper. Wenn wir das begreifen, empfinden wir Mitgefühl – und das ist die tiefste Form der Liebe und der Verehrung. Gleichzeitig wird uns bei dieser Sichtweise klar, wie eng wir mit diesem Erdkörper verwoben sind, wie er ein Teil von uns und wir ein Teil von ihm sind. In der Tiefenökologie sprechen wir von der Entwicklung unseres ‚ökologischen Selbst’: Wir erfahren uns als wesentliche und einzigartige Bestandteile dieses größeren lebenden Ganzen. Wir sind keine isolierten Macher. Wir stehen vielmehr in einer ganz persönlichen Beziehung zur Welt und können uns davon tragen und unterstützen lassen.

Wie aber entsteht aus dieser fast mystischen Verbundenheit politische Aktion?


Es ist eine Mystik, die in der Aktion deutlich wird, durch zivilen Ungehorsam, Sitzblockaden vor Bulldozern oder durch die Gründung neuer Initiativen. Passieren kann es nur in der Beziehung. Man kann sich nicht ins Kämmerchen zurückziehen und an sich selbst arbeiten. Dieser Prozess braucht die Interaktion mit der Welt. Unsere Erfahrung des Ganzen ist abhängig von den Beziehungen des Einzelnen, das Ganze nur erfahrbar, indem man sich in Beziehung setzt.

Zu Beginn unseres Gesprächs sprachen Sie davon, dass künftige Generationen in eine schwer geschädigten Umwelt leben werden. Wie werden diese Wesen der Zukunft auf uns zurückschauen?


Wenn künftige Generationen auf die letzten Jahre des 20. und den Beginn des 21. Jahrhunderts zurückblicken, werden sie wahrscheinlich von ‘Der Zeit des großen Wandels’ sprechen. Denn jetzt, in dieser Zeit, müssen wir den Wandel von einer industriellen Wachstumsgesellschaft zu einer Gesellschaft schaffen, die das Leben langfristig erhält. Das ist eine enorme Veränderung. Sie passiert zur Zeit und wenn diese Veränderung nicht weitergeht, wird das Leben wohl dauerhaft auch nicht weitergehen, weil unser vorherrschender Lebensstil dem widerspricht. Wenn künftige Wesen also zurückblicken, werden sie es mit Respekt tun, mit Mitgefühl und Dankbarkeit, für das, was wir in der ‘Zeit des großen Wandels’ getan haben

Wir scheinen unsere Aufmerksamkeit primär auf die Zerstörung der Welt zu richten. Wo findet dieser ‚große Wandel’ denn heute schon statt?


Ich beobachte die Anzeichen für diesen Wandel auf drei verschiedenen Ebenen, von denen jede äußerst wichtig ist. Die am besten sichtbarste ist die Ebene der Aktionen, die dazu beitragen, die Zerstörung von sozialen und ökologischen Systemen so zu bremsen, dass wir Zeit gewinnen. Das sind die politischen Aktionen, die Demos und Blockaden, die Gesetzesinitiativen, die aktive Einmischung in Bürgerinitiativen und friedlichem Widerstand. Auf dieser Ebene nehmen die Leute die meisten Strafen in Kauf, erreichen die größte Öffentlichkeit und leiden am meisten an dem Gefühl ausgebrannt zu sein. Die meisten Menschen identifizieren sich mit diesen Aktionen. Darin liegt für sie der soziale Wandel und sie glauben, das sei alles.

Aber es reicht, wie wir sehen, nicht aus ....


Man braucht die zweite Ebene, auf der man sich um die strukturellen Wurzeln der Fehlentwicklung kümmert. Welche Institutionen und Machtfaktoren tragen das System und welche Alternativen können eingebracht und ausprobiert werden, um die Samen für eine lebenserhaltende Gesellschaft zu sähen. Das passiert beispielsweise bei all den Initiativen, die sich mit den Mechanismen der Globalisierung auseinandersetzen und nachhaltige gerechte Wirtschaftsmodelle entwickeln.

Aber auch dieser Ansatz reicht für sich nicht aus...


Wir brauchen die dritte grundsätzliche Ebene, auf der wir nach den eigentlichen Motiven der Menschen fragen. Also: Was wollen wir? Wer sind wir? Was brauchen wir? Das ist die Ebene des Bewusstseinswandels, das ist die Ebene, wo wir unsere Wahrnehmung schulen und unsere Bedürfnisse neu formulieren, unser Selbstbild neu bestimmen und unsere Beziehung zur Weltüberdenken und neu gestalten. Da passiert eine Revolution in der Wahrnehmung und im Bewusstsein. All das passiert in einem ungeheurem Tempo.

Das heißt, wir leben sowohl in einer Zeit der Zerstörung und Desintegration, als auch in einer Zeit des Wandels und der Integration?


Ich nenne es ‚positive Desintegration’ Sie passiert immer dann, wenn ein System unter Stress gerät und sich weiterentwickelt. Das passiert mit sozialen Systemen genauso wie mit Denksystemen oder Individuen. Der Begriff beschreibt, was mit einem System passiert, wenn alte Richtlinien, Normen und Werte auf nicht mehr funktionieren und passen. So sind viele der Werte und Ziele der modernen Industriegesellschaft – ‚Je größer desto besser’ oder ‚Wachstum um jeden Preis’ – mittlerweile zur Gefahr für unser Überleben geworden. Wenn solche Grundwerte wertlos werden, geraten wir ins Chaos, fühlen uns verloren, und glauben, es sei nicht zu überleben. Dabei ist das, was stirbt, nur unsere Sicht- und Handlungsweise. Wir leben weiter und finden neue Formen. Positive Desintegration ähnelt also ein bisschen einem Krebs, dessen enger Panzer beim Wachsen aufbricht und Platz für Neues macht.

Wie sollen sich die Menschen in diesem schmerzhaften Prozess verhalten?


Auf dem Weg dorthin scheint es mir wichtig, nicht den Mitmenschen zu predigen, dass sie nobler, tugendvoller, aufopfernder oder verantwortungsvoller gegenüber der Zukunft sein sollten, sondern ihnen stattdessen Mut zu machen, aus ihrer kleinen Kiste auszubrechen. Es ist, als wären wir gefangen in einer Kiste, die immer kleiner wird, uns abtrennt von Vergangenheit und Zukunft, und drinnen sitzen wir wie Ratten und werden immer hektischer. Dafür sind wir nicht gebaut. Je mehr wir unser ökologisches Selbst entdecken, können wir auch Zeit in ihrer ganzen Tiefe erkennen und jene Handlungen wahrnehmen, mit denen wir die Zukunft zerstören. Und diese Erkenntnisse machen Spaß, lassen das Herz höher schlagen, sind aufregend und können endlich den moralischen Zeigefinger ersetzen.

Gibt es Richtlinien, an denen sich der Einzelne orientieren kann?


Ich ermutige die Leute dazu, sich für die Lösung der Probleme ihre eigenen Richtlinien zusammenzustellen. Ich habe ein Paar, die sich als sehr nützlich erwiesen haben. Die erste ist, dankbar dafür zu sein, in einer Zeit zu leben, die so sehr zur Veränderung herausfordert und diesen sinnlichen, fast erotischen Instinkt in uns weckt, das Leben zu erhalten. Der zweite Ratschlag lautet: Hab’ keine Angst vor der Zukunft, die in der Dunkelheit liegt, keine Angst von Ungewissheit, Stress, Verlorenheit, denn all das gehört zu einem einschneidenden Wandel dazu. Alles neue reift zuerst im Dunkeln. Und wir können nicht auf fertige Pläne warten, um den nächsten Schritt zu tun. Der dritte Tipp ist: Ärmel hochkrempeln. Engagiere Dich politisch, verschaff Dir Durchblick, stell’ Fragen nach Ziel und Sinn.! Jeder kann das! Lehn Dich nicht zurück, lass Dich nicht entmutigen oder lähmen. Es gibt so viel zu lernen und zu tun in dieser Zeit. Und viertens würde ich sagen: Habe Mut zur Vision. Wenn wir die Psyche mit einem Muskel vergleichen, dann ist die Vorstellungskraft unser am wenigsten entwickelte Muskel. Wir müssen es uns erlauben, positive Visionen der Zukunft in uns erblühen zu lassen. Denn es wird nichts Neues durch uns in die Welt kommen, was nicht vorher in unserem Bewusstsein Gestalt angenommen hat.